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Preisträger der Kategorie "Regional"

2006-09-07 14:21

Stadtwerke Bielefeld Verkehr GmbH

Der BigBrotherAward der Sonder-Kategorie "Regional" geht an die

Stadtwerke Bielefeld Verkehr GmbH

für ihre Idee, in vier Linienbussen eine Zwangsbeschallung mit dem Programm des lokalen Radiosenders "Radio Bielefeld" einzurichten. Wir halten die akustische und gedankliche Besetzung eines bisher freien Raums für preiswürdig. Verschärfend preiswürdig halten wir, dass diese Maßnahme mit Mitteln der Suggestion, Verfälschung und Demoskopie zu einem Erfolg stilisiert wird.

Gründe

Die Stadtwerke Bielefeld setzen seit Dezember 1999 vier Busse im Linienverkehr ein, in denen die Fahrgäste mit dem lokalen Privatsender "Radio Bielefeld" beschallt werden. Das hat natürlich nichts dem Kernthema des Big Brother Award, mit personenbezogenen Daten zu tun. Und doch ist mit dieser Idee ein beeindruckendes Stück Orwellscher Phantasien realisiert worden. Das soll im folgenden erklärt werden.

Eines der Anliegen des Big Brother Award ist der Schutz des Bürgerrechts auf Privatsphäre. Hat der Aufenthalt in einem öffentlichen Verkehrsmittel etwas mit Privat-sphäre zu tun? Durchaus, denn was ist ein ganz wichtiger Grund, vom Individualverkehr umzusteigen in Bus und Bahn? Man hat einen Chauffeur, kann also die Fahrtzeit für andere Dinge nutzen. Wofür zum Beispiel? Am häufigsten genannt wird hier sicher das Lesen, ob es nun der Unterhaltung dienen soll oder der Weiterbildung. Wer nicht liest, möchte vielleicht über den kommenden Arbeitstag nachdenken oder sich mit Bekannten unterhalten. (Stellen Sie sich also vor, ich müßte Ihnen diese Rede vor dem Hintergrund einer Sendung von Radio Bielefeld halten.) Busse und Bahnen sind also eine Sphäre im Übergang zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, ein akustischer und gedanklicher Freiraum. Bisher haben die Verkehrsunternehmen auch selbst mit diesem Vorteil geworben und diesen Freiraum geschützt. Lesen wir nach in den gültigen Beförderungsbedingungen, § 4 Abs. 2 Satz 8: "Fahrgästen ist insbesondere untersagt, Musikinstrumente, Tonwiedergabegeräte, Tonrundfunkgeräte, Fernsehgeräte und lärmerzeugende Gegenstände zu benutzen". Und nun macht sich ein Verkehrsunternehmen selbst zur größten Lärmquelle? Es stimmt tatsächlich - man hat sogar nach einigen Monaten zwei von vier Bussen umgerüstet, in denen zunächst statt einer Zwangsbeschallung für alle eine Übertragung per Kopfhörer geboten worden war. Wie kam es zu dieser totalen Umkehrung bisher anerkannter Verhaltensregeln?

(Wer Orwells "1984" gelesen hat, kennt schon eine mögliche Erklärung: "double-think", das Prinzip, mit dem noch ganz andere Widersprüche möglich sind.)

Die Idee entstand offenbar ganz unschuldig bei den Stadtwerken anläßlich der Anschaffung neuer Busse. Bald wurde eine Marketing-Maßnahme daraus. Man entschied sich für Radio Bielefeld, den Sender mit dem größten "Marktanteil", trat an den Sender heran und traf eine Vereinbarung. Die Ausstrahlung des Radioprogramms wurde als Verkehrsmittelwerbung bewertet und von Radio Bielefeld nicht bezahlt, sondern durch Sendezeit abgegolten: Radio Bielefeld präsentiert zu bestimmten Anlässen Sendungen direkt aus den Bussen über Themen des öffentlichen Nahverkehrs.

Nachdem man sich in dieser Weise festgelegt hatte, wurde es wirklich ein Stück aus dem Orwellschen Drehbuch. Von Anfang an war es den Fahrerinnen und Fahrern unmöglich, einen anderen Sender als Radio Bielefeld auszuwählen. Im Gespräch mit Fahrern hörte ich, daß sie das Programm auch nicht abstellen konnten, nur leiser drehen. Das stimmt allerdings nicht, nach Auskunft der Stadtwerke: Die Fahrer seien für die Sicherheit verantwortlich und könnten sich deshalb natürlich entscheiden, die Übertragung abzustellen - auch auf Bitten eines Fahrgastes. Die Frage ist nur: welcher Fahrgast wagt es, um das Abstellen des Radios zu bitten, wenn der Fahrer selbst und alle anderen es nicht tun? (Wer fühlt sich jetzt noch nicht an die Orwellschen "telescreens" erinnert? Ausstrahlung von stimmungsmachender Musik und "Informationen" ist eine ihrer Funktionen, die andere ist Überwachung, was das Busradio natürlich nicht leisten kann.)

Tatsächlich muß man sich offenbar einer extremistischen Randgruppe zugehörig wähnen, wenn man sich von den Radioausstrahlungen gestört fühlt. Seit Beginn des Versuches veröffentlichen Stadtwerke, Radio Bielefeld und die hinter dem Sender stehende Lokalzeitung Neue Westfälische eifrig Erfolgsmeldungen, mit Zustimmungsraten von über 90% bei den befragten Fahrgästen. Das wurde unter anderem über eine Postkartenaktion ermittelt, in der zum Beispiel gefragt wurde: Wie gefällt Ihnen das Radio im Bus? Antworten: "sehr gut", "gut" und "nicht gut" (nach Orwell: "ungut"). Abgesehen von der fragwürdigen Skala: Wer hat die Befragten sensibilisiert, zu unterscheiden zwischen ihrer individuellen und momentanen Bewertung des Radioprogramms einerseits und der Frage, ob sie eine Zwangsübertragung für alle Fahrgäste befürworten, andererseits? Radio Bielefeld mag den größten Marktanteil haben, aber natürlich gibt es auch Menschen, die das Programm unausstehlich finden: Mainstream-Popmusik, inhaltlich flach, "durchhörbar", aufgeputschte Stimmungsmache und immer wieder Werbung. Aber das Prinzip "Schutz von Minderheiten" und "Schutz vor Belästigungen" zählt nicht und wird ersetzt durch ein System irgendwo zwischen Mehrheitsentscheidung und einer zu Werbezwecken mißbrauchten Demoskopie.

("You must love Big Brother." - George Orwell)

Es soll hier aber nicht um meine Bewertung von Radio Bielefeld oder um einen bestimmten Musikgeschmack gehen. Das Problem ist, daß ein Busradio nicht einem Autoradio gleichgesetzt werden kann. Hier eine Zwangsbeschallung, dort die Möglichkeit der individuellen Programmwahl mit der Möglichkeit zum Abschalten. Ich bin sicher, daß die Stadtwerke so keine Fahrgäste gewinnen werden, im Gegenteil: Man gibt den gerade erklärten Vorteil auf und wird jene Kunden verlieren, denen dieser Freiraum wichtig ist und denen die Fähigkeit fehlt, das Programm geistig auszublenden.

(eines von drei Mottos der "Partei" in 1984: Ignorance is Strength - freie Übersetzung: Ignorieren können hilft beim Busfahren.)

Es bleibt nur zu hoffen, daß bei den Stadtwerken Einsicht einzieht und dieser Versuch eingestellt wird. Vielleicht kann der Big Brother Award dazu einen Beitrag leisten. Die Entscheidung über eine Fortführung des Probebetriebs wird im Dezember 2000 gefällt.